Literatur

Das Bild der Stadt in der Neuzeit 1400-1800

Titel Das Bild der Stadt in der Neuzeit 1400-1800
Autor Behringer Wolfgang Roeck Bernd Roeck Bernd Roeck Bernd 
Verlag Beck Verlag
Jahr 1999
Seiten 509
ISBN-10 3406409989
Kategorie Architektur
Suchbegriff Stadtsnsicht 

Die Blüte deutscher Stadtansichten

Eine Übersicht über historische Veduten

Die «heilige Stadt Köln», wie sie sich nennt, ist um 1500 mit gut 30 000 Einwohnern die grösste in Deutschland und umfasst hinter einer acht Kilometer langen Mauer 240 Kirchen, Klöster und Kapellen. So wird Köln denn auch von Anton Woensam auf einem 39 cm hohen und 350 cm breiten, mit neun Holzstöcken gedruckten detailtreuen Plan verewigt, den der Kölner Rat 1531 seinem kaiserlichen Gast Karl V. schenkt. Über dem Dom wachen als Patrone die Drei Heiligen Könige, weitere 42 Gotteshäuser sind namentlich angeschrieben, ebenso 20 Stadttore, aber neben dem Rathaus nur ein weiterer Profanbau in dieser von «Gaffeln» beherrschten Zunftstadt. Wehrhaft und heilig stellt sie sich dar; so heilig, das darf man vermuten, dass sie den mächtigen Erzbischof und einstigen Stadtherrn nicht innerhalb der Mauern braucht, sondern ihn gerne in sicherer Bonner Distanz weiss. Gleichzeitig signalisiert das Bild dem Kaiser aber auch, dass die Rheinstadt ihren Heiligen verbunden bleibt, also recht- und altgläubig ist – die grosse Ausnahme unter den deutschen Reichsstädten im Reformationszeitalter.

Mittelalterliche Stadtdarstellungen sind nach dem Topos des himmlischen Jerusalem oder des ewigen Rom stilisiert. Das – wenigstens in markanten Gebäuden – realistische Stadtporträt ist eine Florentiner Erfindung des 15. Jahrhunderts, insofern es Naturbeobachtung und Zentralperspektive voraussetzt. Dazu kommt ab 1500 die Vogelschau, mit der Jacopo de Barbaris genrebildend Venedig einfängt – und etwa gleichzeitig auch die selbständige, grossformatige Druckgraphik (man denke an den – späteren – Zürcher «Murerplan»).

Von Hartmann Schedels Weltchronik (1493) über Sebastian Münsters überarbeitete «Cosmographia» (1550) und die «Civitates» von Georg Braun und Frans Hogenberg (1572) bis zum europäischen Höhepunkt mit zuletzt über 2000 Stadtbildern, Matthäus Merians Topographien (ab 1642), werden Veduten in aufwendigen, teuren Druckwerken vereint. Als Käufer kann man sich anfangs vor allem Kaufleute und patriotische Gelehrte vorstellen, später bildungsbewusste Reisende und Sammler. Die Initiative für solche Grossprojekte scheint in der Regel nicht von städtischen Obrigkeiten, sondern von kommerziell denkenden Unternehmern ausgegangen zu sein.

Die lange Blüte der – bei allen gewollten oder der Form geschuldeten Idealisierungen – realitätsnahen Topographie führt im späten 17. Jahrhundert hinüber zu Stichen mit Stadtgrundrissen und endet erst im 19. Jahrhundert mit den neuen Medien Lithographie und Photographie, aber auch einem radikalen Form- und Funktionswandel der Städte: Wo sich einst nach bürgerlichen Regeln geplante und geordnete – weibliche – Zivilisation mit stolzen Mauern und geschlossenen Toren vor der bedrohlichen, rechtlosen – männlichen – Natur und ihren rauhen Bewohnern schützte, schleifen Industriefleiss und Wohnungsnot bald systematisch die Schranken zum in jeder Hinsicht nivellierten Umland.

Wolfgang Behringer und Bernd Roeck skizzieren im von ihnen herausgegebenen Buch über Stadtbilder mit acht anderen Autoren zusammen die allgemeine Entwicklung dieses typisch frühneuzeitlichen Genres, wobei auch verwandte Phänomene wie plastische Stadtmodelle oder das literarische Stadtlob berücksichtigt werden. In einem umfangreicheren zweiten Teil stellen lokale Spezialisten 46 Städte von Lindau bis Lübeck und Aachen bis Zwickau vor. Einige eher konventionelle Beiträge gehen über Stadt- und Bildbeschreibungen beziehungsweise deren Vergleich hinsichtlich des «Realitätsgehalts» und der Ästhetik kaum hinaus. Andere Autoren verstehen die Bilder nicht nur als topographische, sondern auch als kulturgeschichtliche Quelle und machen sich Gedanken über die Entstehungsbedingungen und die Funktion der Darstellungen, über das Bild, das beim Betrachter entstehen soll. So konzipiert die Ausnahmeerscheinung nach dem Dreissigjährigen Krieg, das prosperierende Hamburg mit seiner rasch wachsenden, sozial heterogenen Bevölkerung, eigentümliche «Portugaleser»-Medaillen mit Stadtansicht und Friedensallegorien, um ein einheitsstiftendes «Image» zu vermitteln.

Die Auswahl berücksichtigt hinsichtlich urbanistischer Form, Rechtsstellung, Grösse, Funktion und geographischer Lage eine breite Palette von Stadttypen. Dabei beschränkt sie sich erklärtermassen und politisch korrekt auf Städte, die in der heutigen deutschen Bundesrepublik liegen; für die behandelte Epoche, bis 1800, wäre ein mutigeres Ausgreifen vertretbar gewesen, man denke an Strassburg oder Breslau, denen man konsequenterweise Saarlouis hätte opfern müssen. Die auch vom Umfang her auferlegte Selbstbeschränkung hat allerdings den Vorteil, dass im Rahmen eines internationalen «Städteatlasses» ähnlich gelagerte Bände zu anderen Territorien noch folgen können, auch zu Österreich oder der Schweiz, zumal Roeck seit kurzem in Zürich lehrt. Eine hohe Dichte verschiedener Städtetypen auf einem vergleichsweise kleinen Territorium verspricht auch hierzulande neue Erkenntnisse und ein dankbares Publikum, vor allem wenn ein Band so schön illustriert daherkommt wie der vorliegende.




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